Sylvestro Ganassi

Ganassi und die Rekonstruktion des Ganassi-Modells

Das Modell "Ganassi“ geht auf Sylvestro Ganassi dal Fontego zurück, der 1492 in Venedig geboren wurde. Er wirkte in seiner Heimatstadt als Musiker (im Juni 1517 wird er Mitglied der "pifferi del doge"), Lehrer und Autor. Seinen Spitznamen "dal Fontego" erhält er vermutlich auf Grund seines Wohnorts in der Nähe des Fontego- Palastes bei der Rialto- Brücke. Ganassi veröffentlicht im Jahre 1535 die "Opera intitulata Fontegara", eine ausführliche Abhandlung über die Kunst des Blockflötenspiels und des Diminuierens. Im Jahr 1542 folgt die "Regola rubertina", eine Gambenschule, die ein Jahr später durch die "Lettione seconda" ergänzt wird.

Die Fontegara übertrifft alle vergleichbaren Traktate des 16. Jahrhunderts an Genauigkeit und Ausführlichkeit. Wir können also davon ausgehen, dass Ganassi ein hervorragender Blockflötist war. In der Fontegara finden wir mehrere Grifftabellen für Flöten mit einem Spielumfang von bis zu 2 Oktaven und einer Sext. Ganassi schreibt, dass jedoch die meisten Spieler auf ihrem Instrument nur 13 Töne(1 Oktav und 1Sext) gebrauchen und nur einige wenige 2 weitere Töne spielen könnten (2 Oktaven). Er selbst habe jedoch durch langes Üben und Experimentieren zu den gebräuchlichen 13 Tönen 7 weitere Töne gefunden, die allerdings nur ansprechen, wenn man mit "sehr scharfem Atem" bläst.  Diese Töne seien nicht unbekannt, die meisten Spieler hätten sie aufgegeben, weil sie zu schwierig sind. Er sagt auch, dass Flöten von unterschiedlichen Herstellern beträchtlich Unterschiede aufweisen, nicht nur in den äusseren Abmessungen, sondern auch in der Bohrung, den Fingerlöchern und dem "Voicing".
 

Der australische Blockflötenbauer Fred Morgan beschreibt, wie er das Modell Ganassi rekonstruiert hat:

"Es gab sicher eine grosse Vielfalt von Instrumenten und verschiedene Arten von Blasen und Griffsystemen. Trotzdem sind heute nicht viele Instrumente erhalten, deren höchste Noten tatsächlich mit Ganassi's Griffen funktionieren. In den meisten Fällen ist der Griff für den 15. Ton (Doppeloktav) um fast einen Halbton zu hoch...Wenn man eine Flöte rekonstruieren will, die mit Ganassi's Griffen sowohl im Grundton als auch in der Doppeloktav stimmt, muss man vorsichtig die Länge des Instruments mit dem Bohrungsprofil im Fussteil in Einklang bringen. Als ich zum ersten Mal daran dachte, so eine Flöte zu bauen (auf Anregung eines Flötisten), hatte ich Messungen von 2 Instrumenten in g' aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Eines hatte eine enger werdende Bohrung und sprach nicht an mit Ganassi's Griff für die Doppeloktav, das andere war praktisch zylindrisch mit einer Erweiterung am unteren Ende...Eine Kopie dieses Instruments funktionierte, aber die Doppeloktav war zu hoch, egal mit welchem Griff.

Schliesslich brachte eine Veränderung der Länge und der Erweiterung am Ende ein befriedigendes Resultat. Höchstwahrscheinlich war vom Erbauer des Wiener Instruments nicht beabsichtigt gewesen, Ganassi's hohe Noten zu spielen, aber das Bohrungsprinzip, welches das Spielen dieser Noten ermöglicht, ist vorhanden. Der entscheidende Punkt ist, dass dieses neue Modell "Ganassi" durch ein Studium von Ganassi's theoretischem Werk einerseits und dem glücklichen Fund eines Originalinstruments zustande kam, dessen Design für einen Zweck, den der Bauer damals noch gar nicht anstrebte, verwendet werden konnte. Das neue Instrument ist zwar keine Kopie, aber doch aus den Werken alter Meister direkt abgeleitet. 

Der Sopran in c" und der Alt in g' basieren auf den Vorlagen von Fred Morgan, der Alt in f' ist eine eigene Ableitung von Monika Musch. Der Tenor basiert auf einem Schnitzer-Bassett aus Brüssel, hat aber ebenfalls mit den Griffen von Ganassi einen Spielumfang von mehr als 2 Oktaven. Da die Bohrung einen konischen Verlauf hat, wird er nicht  mit einem zusätzlichen Unterteil in einer anderen Stimmung angeboten. 

Literatur:

H. M. Brown/G. Ongaro: Ganassi dal Fontego in New Grove 2001

S. Ganassi: La Fontegara, Venedig 1535, ed. Hildemarie Peter 1956

F. Morgan: "Making recorders based on historical models" in Early Music 1/1982